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„Das Leben ist schön“ ist nicht nur ein Film Klassiker. Diese Geschichte durfte ich heute mitten unter uns erleben.

Die Versteigerung der blauen Bank ist erfolgreich abgeschlossen.
Diese Worte alleine werden dieser unglaublichen Geschichte nicht gerecht.
Es ist, als würde ich gerade den Film Klassiker „Das Leben ist schön“ am eigenen Leib erleben.

Ich bin berührt und aufgewühlt gleichermaßen.
Diese Geschichte als Ganzes einzufangen ist eine große Herausforderung.

Out of the blue hatte ich die Idee, den Erlös aus der Versteigerung Gerda zukommen zu lassen.
Gerda war der erste Passant, der sich bei meiner ersten Etappe auf mir niederließ.

Ohne weiter darüber nachzudenken stellte ich die Bilder und den Text bei ebay für die Versteigerung ein.
Ich war aufgeregt. Freudig aufgeregt. Ganz so, als hätte ich selbst ein schönes Weihnachtsgeschenk für einen lieben Menschen erstanden, obwohl ich Gerda nur einmal in meinem Leben gesehen habe.
Irgendwie fühle ich mich mit ihr auf unerklärliche Weise verbunden.
Ich kann noch nicht einmal sagen, warum mir Gerda eingefallen ist, wo ich aus dem Stand mehrere Stellen benennen könnte, um zu spenden.
Hier ging es irgendwie nicht um den schnöden Mammon zu spenden. Das ist alles ungeplant „passiert“.
Kindlich naiv wollte ich schlicht dieser älteren Dame einfach nur „was Gutes tun“.

Zögerlich wurde bei ebay nach unseligen Stunden des Wartens geboten.
Ich war hin- und hergerissen in meiner Vorfreude, jedoch auch mit meinen Bedenken:
„Was ist, wenn keine Socke die Bank will?“
„Was ist, wenn Gerda mir die Spende um die Ohren haut und es als Beleidigung empfindet. Ich weiß nichts von ihr und komme tump und taub von längs mit meinem naiven Ansatz? Erst denken, wäre sinnvoll gewesen.
Zu spät.
Ich schob diese „lichten Gedanken“ energisch zur Seite.
Darum kümmere ich mich, wenn es soweit ist.

Am späten Nachmittag vor Heilig Abend war es soweit. 3, 2, 1 hat Mirsad Melkic die Bank für 212 € ersteigert.
Ich war so glücklich und riss die Arme nach oben, als wäre ich gerade nach einem Marathon durch’s Ziel gelaufen.
Sogleich schrieb ich Herrn Melkic von MS Haustechnik an.
Wir beide saßen scheinbar gleichzeitig mit ähnlichen Emotionen am Rechner, denn er schrieb sofort zurück.

Ich zitiere aus seiner Mail und hatte Pipi in den Augen: „Da dies zu einem guten Zweck dient und nach Dietzenbach geht, möchte ich mein Angebot auf 300 € erhöhen. Wir Dietzenbacher sollten zusammen halten!“

Heute war die Übergabe.
mirsad ausladenmirsad vor der TüreIch wurde in die Max-Planck-Straße 6 gefahren. Dort sollte das Unternehmen MS-Haustechnik sein.
Es trat mir ein sympathischer junger Mann entgegen.
„Schön, dass du da bist. Ich habe mich schon sehr auf dich gefreut,“ war seine Begrüßung.
„Wo willst du mich hinstellen,“ wollte ich wissen und war darauf eingestellt vor der Türe zu stehen.
„Ins Büro,“ sagte Mirsad mit einer Selbstverständlichkeit.
„Direkt ins Büro,“ fragte ich ungläubig.
„Wohin denn sonst. So kann ich dich immer sehen.“

mirsad und catherineMirsad und catherine 2Ich schaute mich um. Technische Zeichnungen hingen an der Wand. Ordner in den Regalen. Auf den Schreibtischen sah es nach Arbeit aus und nicht nach den Tagen zwischen den Jahren.
Seine Mitarbeiterin Catherine Saß winkte mir fröhlich von ihrem Arbeitsplatz zu und arbeitete fleißig weiter.

„Kann ich dir etwas anbieten? Espresso, Wasser oder Saft?“
„Über einen Espresso würde ich mich freuen.“
Stilvoll wurde mir der wirklich gute Espresso kredenzt, als säße ich beim Edelitaliener.
Ich fühlte mich wohl und begann mit meinen Fragen, denn ich wollte mehr von dem Menschen wissen, der mich als erstes ersteigert hatte.

„Seit wann bist du hier in Dietzenbach,“ wollte ich wissen.
„Seit 5 Jahren,“ sagte Mirsad. „Vorher war ich fest angestellt bei Buderus in Bayern.

„Da schießen gleich mehrere Fragen durch meinen Kopf, fragte ich mit meiner altbekannten charmanten Art.“
„Frage nur,“ grinste mich Mirsad an, „und nenne mich Micky.“
Na dann gehe ich gleich in die Vollen: „Darf ich fragen wie alt du bist?“ „Du siehst jung aus.“
„27,“ erwiderte Micky mit einer Selbstverständlichkeit.
„27???“, ich hatte mein Herz mal wieder auf der Zunge.
Ich schaute mich um. „Seit 5 Jahren bist du selbständig?“
Hattest du keine Angst in so jungen Jahren in die Selbständigkeit zu gehen?“
„Nein, warum?“ „Ich weiß genau was und wie ich es will.“
„Im Gegenteil.“ „Es ist mir sehr leicht gefallen, mich hier in Dietzenbach niederzulassen.“
„Hier gab es schon sehr viele Kontakte, so dass ich wie mit offenen Armen aufgenommen worden bin.“
Das kannte ich irgendwoher. Dietzenbach scheint dafür prädestiniert zu sein Menschen mit offenen Armen aufzunehmen.
„Zuerst war ich in der Bahnhofstraße und genau zu dieser Zeit, also zwischen den Jahren, bin ich vor drei Jahren in die Max-Planck-Straße umgezogen.“
„Im Hof habe ich ein großes Lager, so dass ich leicht den 24-Stunden-Notdienst darstellen kann, wenn die Heizung ausfällt oder ein Rohrbruch für Überschwemmung sorgt.“
Meist haben die Zulieferer für Ersatzteile am Wochenende, an Feiertagen oder wie jetzt zwischen den Jahren geschlossen. Ich habe meist alles auf Lager um Sofort-Hilfe zu bieten.“

Dieser junge Mann beeindruckte mich weiter. „Aha,“ erwiderte ich dennoch lahm und ich dachte:
„Mit 22 in die Selbständigkeit und ein ansehnliches Lager für „alle Fälle“ sind Größenordnungen, die ich einem jungen Mann seines Alters nicht zugeordnet hätte.“
Das Telefon läutete mehrfach und dieser Mann „managte souverän dieses Interview und „nebenbei“ seine Geschäfte wie ein ganz Großer.
Ich kramte in meiner Erinnerung. Kenne ich einen Menschen seines Alters mit diesem Format?
Mir fällt niemand ein.
Ich schaute in sein offenes Gesicht und vergaß sein Alter.
„Wieviel Mitarbeiter hast du.“
„7.“
„7 Mitarbeiter sind eine stattliche Zahl,“ sprudelte es aus mir heraus.
„Ich werde weitere Mitarbeiter gewinnen müssen,“ führte Micky weiter aus. Neben dem 24-Stunden-Notdienst habe ich neben Privat Kunden Großkunden wie Burger King, die City Passage, das Ärztezentrum und die Stadt Darmstadt.
„Ich hätte jetzt lieber Stadt Dietzenbach gehört, als Stadt Darmstadt,“ konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen und grinste.
„Seit wann bist du dabei,“ fragte ich Catherine.
Sie lächelte ihren Chef an und antwortete: „Seit November diesen Jahres.“
„Was?“ „So frisch dabei?“ Ich hätte schwören können, dass die Beiden schon viele Jahre zusammenarbeiten. So war zumindest meine Wahrnehmung.
Beide lachten schallend. „Es waren viele Bewerberinnen vorstellig geworden, jedoch war es bei Catherine „Sie kam, sah und siegte,“ erzählte Mirsad.
„Ich kann es selbst nicht glauben, dass Catherine so kurz erst bei mir ist.“
„Es fühlt sich wesentlich länger an.“
„Sie ist jetzt schon die gute Seele meines Büros.“
„Ich habe keine Ahnung, wie ich es vor ihr geschafft habe,“ führte dieser bescheidene Mann weiter aus und baute die Brücke mit weiteren Erzählungen über sein Unternehmen vom Menschlichen zum Geschäftlichen.

„In den nächsten Wochen werde ich mit der Erweiterung meines Unternehmens beginnen.“
„Diese Wand werde ich heraus reißen und das Büro erweitern.“
„Hast du keine Angst vor diesen Größenordnungen,“ wollte ich beeindruckt wissen.
„Ich komme aus der Nähe von Ingolstadt aus einem kleinen Kurort und wollte hinaus in die große, weite Welt….“
…“und bist in Dietzenbach hängengeblieben,“ führte ich seinen Satz weiter aus.
„Ja,“ sprach Mirsad lächelnd. „Hier ist meine Welt in ganzer Größe.“ „in meinem Unternehmen in Dietzenbach.“

Hier mitten unter uns habe ich die Ehre einen großen und doch bescheidenen Menschen kennenzulernen. Selbstverständlich, fleißig und stetig geht Mirsad seinen Weg.
Ich werde diesen spannenden Menschen weiter begleiten.
„Könnte mich meine Schwester – also die amtierende blaue Bank – besuchen, wenn du umgebaut hast, ich würde ihr gerne alles zeigen.“
„Sehr gerne,“ erwiderte er, „aber jetzt musst du erst noch zur Gerda,“ und überreichte mir die 300 €.
„Richte ihr die herzlichsten Grüße aus und nehme ihr noch ein verspätetes Weihnachtsgeschenk mit.“
„Das mache ich sehr gerne,“ und machte mich auf den Weg zum Hexenberg.

Telefonisch angemeldet machte ich mich auf den Weg und legte mir schon alle Worte zurecht, um mich und meinem naiven Tun Gerda zu erklären.
Von dem Gefühl aus dem Gespräch mit Mirsad beflügelt klingelte ich an Gerda’s Türe und war aufgeregt.

In der einen Hand ein von meinen Enkelkindern selbstgebastelter Engel, in der anderen Hand das verspätete Weihnachtsgeschenk von Mirsad. In der Handtasche der Umschlag mit der Spende.

Jahresabschluss Engel bastelnJahresabschluss Engel allsJahresabschluss Engel gemeinsamJahresabschluss Engelsflügel

Pauline stob sofort los, kaum das die Türe geöffnet wurde und wurde aufs Herzlichste von Gerda begrüßt.
„Na dich kenne ich schon meine Kleine,“ begrüßte Gerda meinen Hund und kraulte ihr das Öhrchen und wandte sich mir zu und nahm mich innig in die Arme als wäre ich ihr Enkelkind.
Raum und Zeit standen still in den Armen dieser 87-jährigen Frau.
Ich lehne meinen Kopf in ihre Halsbeuge und fühle mich irgendwie, als würde mich meine Oma umarmen, welche schon seit Jahrzehnten tot ist.
Meine Augen waren feucht.
Alle zurechtgelegten Worte waren weg.
Mein Kopf war leer, jedoch breitete sich ein ganz warmes Gefühl aus.

Gerda schob mich in ihre Küche und bat mich Platz zu nehmen.
„Darf ich der Pauline Leckerlies geben,“ fragte sie mich lächelnd. „Ich habe immer etwas für Hunde da,“ und holte zwei große Dosen aus der Anrichte.
Hier sieht es aus wie einst bei meiner Oma.
Dort haben wir auch immer in der Küche gesessen. Der zentrale Punkt in deren Leben.
Die Anrichte, der Vorhang zwischen den Unterschränken. Vermutlich hat sie dahinter die Kartoffeln in einem Körbchen gelagert. Ich fühlte mich in meine Kindheit versetzt und war wieder Kind.

Diese Frau sprühte mit jeder Faser ihres Seins Herzenswärme, Mütterlichkeit und Güte aus.
„Das haben meine Enkelkinder gebastelt,“ sagte ich leise und übergab ihr den Engel.
Gerda schaute mich voller Liebe und feuchten Augen an. „Darüber freue ich mich,“ sagte sie liebevoll und umarmte mich erneut.

Was dann folgte lässt sich nicht in schnöden Worten wiedergeben auch wenn ich mir noch so viel Mühe geben würde.
Die Stunden verflogen wie im Flug.
Gerda erzählte lustige, traurige, dramatische und immer wieder so unglaubliche Geschichten, dass ich mich an den Film „ist das Leben nicht schön“ erinnerte, der an den Weihnachtstagen als Klassiker gelaufen ist.
Diese Frau hat ihr ganzes Leben mit einer Selbstverständlichkeit Gutes getan.
Kleine Nebensätze lassen erahnen, wie beschwerlich es doch auch war.

Ein kleiner Nebensatz war u.a.: „Irgendwie ist alles immer irgendwie ungeplant entstanden.“
„Ich habe Kinder gehütet, Gräber in den Urlauben anderer gepflegt, egal wie heiß und wieviel es gleichzeitig waren.“
„Ich habe Menschen bis zu deren Tod gepflegt.“
„Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob ich einen Mann oder eine Frau gewaschen habe, die ich eigentlich nicht gut kannte,“
„Manchmal war das schon schwer und weißt du, ich habe das alles gern getan.“
„War das dein Beruf,“ wollte ich wissen.
„Was meinst du?“
„Warst du Kranken- oder Altenpflegerin.
Gerda lachte schallend und ihre Augen blitzen wie die Augen einer jungen Frau.
„Nein, ich war bei der Frankfurter Rundschau und habe 33 Jahre in Nachtschicht die Zeitungen verpackt.“ „Ich hatte ja kleine Kinder, für die ich tagsüber sorgen musste. Mein Mann hat bei Braas in Heusenstamm gearbeitet, da konnte ich nur nachts arbeiten.“
„Du hast in Frankfurt gearbeitet?“
„Ja,“ antwortete Gerda, als würde sie meine Frage nicht verstehen.
„Du hast in Dietzenbach gelebt, nachts in Frankfurt gearbeitet und dann noch all diese Geschichten erlebt?

Stille.
Gerda schaute mich weiter fragend an, als hätte ich eine Selbstverständlichkeit infrage gestellt, wie dass nach der Nacht der Tag folgt.

„ja, sagte sie erneut.“ „Das war halt so.“

Das war halt so?!?

Aus Respekt vor dieser wunderbaren Frau werde ich nicht in epischer Breite deren Geschichten erzählen oder Bilder veröffentlichen.

Lied: Without you

Hier, in unserer Mitte lebt ein Engel auf dem Hexenberg.
Ein Mensch wie einst in dem Film mit James Stewart hat diese Frau seit 1945 unzähligen Menschen Liebe, Zuneigung und Unterstützung in unserer Mitte geschenkt.
Sie hat ganz sicher positiv prägenden Einfluss genommen, obwohl sie bescheidend abwinkend es als „selbstverständlich aberkennt bleibe ich stehen und halte für einen Augenblick inne, um sie zu ehren.

Gerda ist der Inbegriff an Wertschätzung, Respekt und soziale Kompetenz.
Sie ist die Oma, wie man sie sich vorstellt.
Sie ist ein Mensch der Herzen bewegt.
Nicht ich habe ihr ein Geschenk gebracht, sonder sie hat mich beschenkt.
Ein Geschenk, was man für Geld nicht kaufen kann.
Warmherzigkeit, Liebe und Güte!

Es gibt keine Zufälle!
Gerda war die Erste die auf mir als Passant Platz nahm.
Mirsad war der Erste, der die Bank ersteigerte.
Gerda ist mit ihren 87 Jahren bescheiden aber dennoch aufrecht ihren Lebensweg gegangen, wie es Mirsad mit seinen 27 Jahren ähnlich tut.

Ich bin dankbar, dass ich diesen sehr glücklichen Tag erleben durfte.

Danke euch Beiden!

Eure blaue Bank

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One thought on “Mitten unter uns – „Ist das Leben nicht schön?“

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